Inhalt
Als wäre Almas Leben nicht schon kompliziert genug, gesellen sich nun zu ihren zwischenmenschlichen Problemen auch noch schreckliche Albträume. Aber nicht die Albträume sind das eigentlich Beängstigende. Unruhig macht Alma der Umstand, dass sie diese Träume – ohne sich daran erinnern zu können – in ein violettes Heft schreibt. Und panisch wird sie, als sie in der Zeitung von einem Mord erfährt, wie sie ihn erträumt hat. Um ihre Angst zu bekämpfen, redet sie sich ein, dass es nur ein dummer Zufall war und auch die Probleme ihrer Freundinnen lenken sie zunächst von ihren Albträumen ab. Doch als auf den ersten dieser Träume ein zweiter und schließlich auch ein dritter folgen, da kann von Zufall keine Rede mehr sein.
Und während Alma versucht, die Ursache ihrer Träume zu ergründen, kommt ihr ein schrecklicher Verdacht. Möglicherweise stehen auch die Probleme ihrer drei Freundinnen mit den Morden im Zusammenhang. Je weiter sie in diese Richtung recherchiert, umso dunkler werden die schaurigen Details, die sie ans Licht zerrt. Und obwohl Morgan, einer ihrer Klassenkameraden mit violetten Augen, blonden Haaren und einem geheimnisvollen Charme, der Almas Interesse weckt, sie immer wieder vor unüberlegten Aktionen vor allem bei Nacht warnt, sucht sie weiter nach der Wahrheit. Eine Wahrheit, die sie schon bald auf die Liste der Mörder setzt und sie in die Dunkelheit zu reißen droht…
Unsere Meinung
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich von Anfang an so meine Schwierigkeiten mit dem Charakter der Protagonistin Alma hatte, die mir vom Wesen so überhaupt nicht zusagt. Auf mich wirkt sie mit ihren Ansichten, Äußerungen und ihrem Auftreten vor allem zu Beginn extrem unsympathisch, was grundsätzlich nichts Gutes verheißt. Sie strahlt eine gewisse Arroganz aus, die sie überheblich wirken lässt. Auch ihre Aversion gegen Berührungen – obgleich sie anderen Ursprungs ist – lässt sie nicht gerade in positiverem Licht dastehen. Auch ihre düstere Sicht der Dinge, des Lebens, ihrer Umgebung, der Stadt, in der sie lebt und der Menschen, die sie umgeben, macht sie nicht zum Liebling von jedermann. Zwar kippt diese Antipathie im hinteren Drittel des Buches ein wenig, wirklich grün bin ich mit ihr aber auch am Ende noch nicht gewesen. Umso bemerkenswerter ist die Leistung der Autorin daher einzuschätzen, dass ich trotzdem den ganzen Roman hindurch extrem gut unterhalten war. Ich habe schon des Öfteren Bücher gelesen, bei denen die Hauptfigur meinen Geschmack nicht wirklich getroffen hat, aber in der Regel fällt mit diesem schlecht getroffenen Charakter auch die Qualität der Geschichte ins nahezu Bodenlose. Dies ist hier erfreulicherweise nicht so gewesen. Der Roman hatte es durchaus in sich und im Nachhinein bin ich mir sicher, dass die ganze Stimmung, welche die Autorin wirklich hervorragend einzufangen wusste, mit einem etwas zugänglicheren Hauptcharakter nicht so wirkungsvoll hätte dargestellt werden können. Durch ihre negativen Bemerkungen wurde man als Leser an die Umgebung herangeführt, sie hat quasi den Blick in die richtige Richtung gelenkt, sodass man das Geschehen in seiner Gänze auf sich wirken lassen konnte. Und am Ende ergab sich doch trotz aller Antipathie gegen Alma ein harmonisches, mitreißendes Gesamtbild, das einen zum Nachdenken und Hinterfragen angeregt hat.
Die übrigen Figuren bilden den perfekten gesellschaftlichen Rahmen, damit Almas Charakter sich voll entfalten und gegen Ende auch entwickeln kann. Ihre Freundinnen, deren unterschiedliche Probleme den Weg pflastern, den Almas eigenes Schicksal mit vehementer Zielstrebigkeit beschreitet, gehen zwar teilweise etwas unter, was ihren Charakter betrifft, sind aber dennoch gelungene Figuren, die sich harmonisch ins Gefüge der Handlung einreihen. Von ihnen sei vor allem Agatha erwähnt, da sie mit ihren ganzen Geheimnissen und dunklen Abgründen der tiefgründigste und interessanteste Charakter in Almas Freundeskreis ist. Almas Familie hingegen wirkte auf mich etwas zu klischeehaft. Tragische Schicksalsschläge haben die Schwester stumm und den Bruder rebellisch, gepierct und desinteressiert an allem, was die Familie betrifft, werden lassen. Hier wäre etwas mehr Einfallsreichtum wünschenswert gewesen, aber möglicherweise bekommt die Familie in den Folgebänden mehr Tiefe.
Morgan hingegen ist ein Charakter, der schon von Anfang an viele Rätsel aufwirft. Geheimnisse und Ungereimtheiten umgeben ihn wie einen Umhang, der auch auf Alma seine Wirkung hat. Und es war auch für mich nicht weiter verwunderlich, dass er diese Geheimnisse auch über die letzte Seite hinaus noch nicht alle preisgegeben hat. Sein Charakter und vor allem seine Rolle in der ganzen Geschichte lassen den Leser auch nach der Lektüre mit Fragen zurück, die einen sehnsüchtig auf den Folgeband warten lassen.
Die Autorin hat das Buch stilistisch sehr schön aufgezogen. Vor allem der Wechsel zwischen dem, was Alma träumt und ihren realen Erfahrungen ist geschickt aufgezogen und sorgt an den richtigen Stellen für die nötige Dramatik und Spannung. Das Buch ist sicher keine seichte Nachtlektüre, dazu ist sie an einigen Stellen doch ziemlich anspruchsvoll verfasst, sodass man gedanklich voll bei der Sache sein muss, wenn man Almas Gedanken und Schlussfolgerungen folgen will. Ansonsten sind die Szenen sehr markant beschrieben und zeichnen ein ziemlich genaues Bild von ihrer Heimatstadt und dem Leben, das sie darin führt.
Auch inhaltlich gibt es eigentlich nichts zu beanstanden. Die schon zu Anfang aufgebaute Spannung wurde bis zum Ende durchgehalten. Die geschickt platzierten Höhepunkte sorgen dafür, dass der Leser sich mehr und mehr ins Geschehen hineinziehen lässt und auf der letzten Seite angekommen mit mehr Fragen als Antworten dasteht. Ein sehr vielversprechender Auftakt, der die Erwartungen an den Folgeband entsprechend hoch ausfallen lässt.
Fazit
Mit „Nacht“ hat man wirklich einen, wenn auch etwas anspruchsvoll zu lesenden, spannenden und mitreißenden Auftaktroman voll düsterer Figuren, der für die Folgebände viele Fragen offen lässt. Ein wirklich gelungener Jugendroman, der zwar nicht für jeden Geschmack das Richtige, aber dennoch ein Lesegenuss für diejenigen sein wird, die sich trotz Almas Unzulänglichkeiten auf die Geschichte einzustellen vermögen.



